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Unternehmensbewertung M&A Finanzen

Firmenwert: Methoden der Unternehmensbewertung

Wie wird ein Unternehmen bewertet? Die wichtigsten Bewertungsmethoden im Überblick – von DCF über Multiplikatoren bis zur Substanzwertmethode.

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Firmium Team · · 5 min Lesezeit
Teilen: | Mit KI zusammenfassen: ChatGPT Claude Gemini

Was ist ein Unternehmen wert? Diese Frage stellt sich bei Unternehmensverkäufen, Nachfolgeregelungen, Gesellschafteraustritten und strategischen Entscheidungen. Ein Überblick über die gängigen Bewertungsmethoden.

Grundlagen der Unternehmensbewertung

Bewertungsanlässe

Anlass Typische Methode
Unternehmensverkauf DCF + Multiplikatoren
Nachfolge Ertragswert, vereinfacht
Gesellschafteraustritt Vertragliche Regelung, oft Ertragswert
Finanzierungsrunde Multiplikatoren
Schenkung/Erbschaft Steuerlicher Wert (vereinfachtes Ertragswertverfahren)
Scheidung Ertragswert

Zentrale Begriffe

Begriff Definition
Enterprise Value (EV) Gesamtwert des Unternehmens (Eigen- + Fremdkapital)
Equity Value Wert des Eigenkapitals (für Gesellschafter)
EBITDA Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen
EBIT Gewinn vor Zinsen und Steuern
Free Cash Flow Frei verfügbarer Zahlungsstrom

Zusammenhang EV und Equity Value

Enterprise Value
    - Finanzverbindlichkeiten
    + Cash
    ─────────────────────────
    = Equity Value

Ertragswertverfahren

Grundidee

Der Wert eines Unternehmens ergibt sich aus den zukünftigen Erträgen, die es erwirtschaften wird.

DCF-Methode (Discounted Cash Flow)

Vorgehen: 1. Zukünftige Free Cash Flows prognostizieren (5-10 Jahre) 2. Endwert (Terminal Value) berechnen 3. Alle Zahlungsströme auf heute abzinsen

Formel:

            FCF₁        FCF₂              FCFₙ + TV
EV = ─────────── + ─────────── + ... + ───────────
       (1+WACC)¹   (1+WACC)²          (1+WACC)ⁿ

WACC (Weighted Average Cost of Capital): Gewichteter Durchschnitt der Eigen- und Fremdkapitalkosten.

Komponente Typisch
Eigenkapitalkosten 8-15%
Fremdkapitalkosten 3-6%
WACC (Mittelstand) 8-12%

Vor- und Nachteile DCF

Vorteile Nachteile
Theoretisch fundiert Stark von Annahmen abhängig
Berücksichtigt Zukunft Prognose unsicher
Cashflow-basiert Komplex
Individuell anpassbar Manipulationsanfällig

Vereinfachtes Ertragswertverfahren

Für steuerliche Zwecke und kleinere Unternehmen:

Ertragswert = Bereinigter Ertrag × Kapitalisierungsfaktor

Kapitalisierungsfaktor: Abhängig vom Basiszins und Risikozuschlag (typisch: 10-14)

Multiplikator-Verfahren

Grundidee

Der Wert ergibt sich aus dem Vergleich mit ähnlichen Unternehmen oder Transaktionen.

Gängige Multiplikatoren

Multiple Formel Wann geeignet
EV/EBITDA EV ÷ EBITDA Standard, Profitabilität
EV/EBIT EV ÷ EBIT Mit Investitionszyklen
EV/Umsatz EV ÷ Umsatz Wachstum, noch unprofitabel
KGV (P/E) Aktienkurs ÷ Gewinn Börsennotiert

Branchen-Multiplikatoren (Richtwerte)

Branche EV/EBITDA EV/Umsatz
Software/SaaS 10-15x 3-8x
Maschinenbau 6-8x 0,6-1,0x
Handel 5-7x 0,3-0,6x
Dienstleistung 6-9x 0,5-1,0x
Bau 4-6x 0,3-0,5x
Logistik 5-7x 0,3-0,5x

Wichtig: Diese Werte schwanken stark nach Marktlage, Größe und Qualität des Unternehmens.

Multiplikator-Quellen

Trading Multiples: - Aus Börsenkursen vergleichbarer Unternehmen - Tagesaktuell - Abschlag für nicht-börsennotierte (Illiquiditätsabschlag: 15-30%)

Transaction Multiples: - Aus tatsächlichen M&A-Transaktionen - Enthalten Kontrollprämien - Reflektieren Marktpreise

Anwendungsbeispiel

Zielunternehmen:
- EBITDA: 2 Mio. EUR
- Nettoverschuldung: 3 Mio. EUR
Vergleichbare Transaktionen: EV/EBITDA = 7x
Enterprise Value = 2 Mio. × 7 = 14 Mio. EUR
Equity Value = 14 Mio. - 3 Mio. = 11 Mio. EUR

Substanzwertverfahren

Grundidee

Der Wert ergibt sich aus der Summe der einzelnen Vermögensgegenstände abzüglich Schulden.

Varianten

Liquidationswert: - Was bleibt bei Auflösung und Verkauf aller Assets? - Untergrenze der Bewertung - Abschläge für Zeitdruck

Reproduktionswert: - Was würde es kosten, das Unternehmen neu aufzubauen? - Relevant bei Asset-schweren Unternehmen

Wann Substanzwert?

Situation Relevanz
Immobiliengesellschaft Hoch (NAV)
Produktionsunternehmen Mittel
Dienstleister Niedrig
Tech/SaaS Sehr niedrig

Grenzen

  • Ignoriert Ertragskraft
  • Immaterielle Werte schwer erfassbar
  • Synergien nicht berücksichtigt

Kombination der Methoden

In der Praxis

Die meisten Bewertungen kombinieren mehrere Verfahren:

┌──────────────────────────────────────────────────┐
│                  BEWERTUNGSBRÜCKE                │
├──────────────────────────────────────────────────┤
│                                                  │
│  DCF         ─────────────  €12-15 Mio.         │
│                                                  │
│  EV/EBITDA   ─────────────  €11-14 Mio.         │
│                                                  │
│  Transaction ─────────────  €13-16 Mio.         │
│  Comparables                                     │
│                                                  │
│  ═══════════════════════════════════════════    │
│  Bewertungsbandbreite:     €12-15 Mio.          │
│                                                  │
└──────────────────────────────────────────────────┘

Gewichtung

Situation Hauptmethode
Profitabel, stabil DCF + Multiplikatoren
Wachstum, unprofitabel Umsatz-Multiplikatoren
Asset-schwer Substanzwert + Ertragswert
Krisenunternehmen Liquidationswert

Wertbeeinflussende Faktoren

Wertsteigernde Faktoren

Faktor Begründung
Wiederkehrende Umsätze Planbarkeit
Diversifizierter Kundenstamm Geringeres Risiko
Starkes Management Unabhängigkeit
Wachstum Höhere zukünftige Cashflows
Marktposition Wettbewerbsvorteile
Skalierbarkeit Operative Leverage

Wertmindernde Faktoren

Faktor Begründung
Abhängigkeit von Inhaber Key-Man-Risiko
Kundenkonzentration Klumpenrisiko
Veraltete Technik Investitionsbedarf
Regulatorische Risiken Unsicherheit
Nachfolgeprobleme Übergangsschwierigkeiten

Besonderheiten bei KMU

Size Premium

Kleinere Unternehmen werden mit Abschlägen bewertet:

Umsatz Typischer Abschlag
< 5 Mio. EUR 30-50% auf Multiplikator
5-20 Mio. EUR 20-30%
20-50 Mio. EUR 10-20%
> 50 Mio. EUR 0-10%

Key-Man-Risiko

Bei inhabergeführten Unternehmen: - Wie abhängig ist das Geschäft vom Eigentümer? - Gibt es eine zweite Führungsebene? - Können Kundenbeziehungen übergeben werden?

Working Capital

Normalisiertes Working Capital als Benchmark: - Überschuss = Werterhöhung - Defizit = Wertminderung oder Kaufpreisanpassung

Verhandlung und Kaufpreis

Vom Wert zum Preis

Theoretischer Wert (Bewertung)
    + Synergieprämie (Käufer sieht mehr Wert)
    - Verhandlungsabschlag (Verkäufer unter Druck)
    ± Struktureffekte (Earn-Out, Raten)
    ─────────────────────────────────────
    = Tatsächlicher Kaufpreis

Kaufpreismechanismen

Mechanismus Funktion
Locked Box Preis auf Stichtag fixiert
Completion Accounts Anpassung auf Closing-Tag
Earn-Out Erfolgsabhängige Komponente
Vendor Loan Teil als Darlehen

Fazit

Die Unternehmensbewertung ist keine exakte Wissenschaft, sondern eine Kombination aus Methoden, Annahmen und Verhandlung. Der "richtige" Wert existiert nicht – es gibt nur Bandbreiten und Argumentationslinien.

Für eine fundierte Bewertung braucht es: 1. Mehrere Methoden zur Plausibilisierung 2. Realistische Annahmen (nicht best case) 3. Branchenverständnis für Multiplikatoren 4. Berücksichtigung wertbeeinflussender Faktoren

Am Ende ist ein Unternehmen das wert, was ein Käufer bereit ist zu zahlen – und das hängt von seinen spezifischen Synergien und Alternativen ab.


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Firmium Team

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